Warum vegan?

Ich komme aus einer Familie, in der zum Glück nie viel Fleisch gegessen wurde. Abgesehen von einigen sommerlichen Grillabenden in unserem Ferienhaus in Frankreich und dem obligatorischen Sonntagsbraten mit Spätzle, den es hin und wieder bei meiner Oma gab, achtete meine Mutter sehr genau auf gesunde  und abwechslungsreiche Ernährung und bei uns wurde häufig vegetarisch gekocht. Als mein Kaninchen starb als ich neun Jahre alt war, wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, was es bedeutet Fleisch zu essen. Beim nächsten Besuch bei meiner Oma war es mir unmöglich, ihren Hasenbraten anzurühren und so war Kaninchenfleisch das erste, was ich von meiner Nahrungsliste strich. Vegetarierin wurde ich mit 14 Jahren. In den folgenden Jahren bin ich bis auf wenige Ausnahmen dabei geblieben und habe meine vegetarische Ernährungsweise mehr und mehr mit ethischen Argumenten untermauert und mir durch ausführliche Recherchen mehr und mehr bewusst gemacht, was es bedeutet, Tiere zu essen. Obwohl ich mich bis vor einem Jahr nie groß darum bemüht habe, andere von meiner Sichtweise zu überzeugen, hat sich meine Familie glücklicherweise zum Teil mit umgestellt. Meine Mutter isst heute kaum noch Fleisch und sogar meine Oma, die vor dem Hintergrund des Hungerleidens im Krieg eigentlich nur wenig Verständnis für Vegetarismus hat, verzichtet immer öfter auf den Kauf von Fleisch.

Ich bin nicht von einem Tag zum Nächsten zum strengen Vegetarierer und schließlich zum Veganer geworden. Meine Umstellung hat viel Zeit gebraucht und ist immer noch nicht abgeschlossen. Ich kenne viele Menschen, die diesen Schritt von heute auf morgen gegangen sind und seitdem nie wieder Fleisch, Fisch, Eier oder Milchprodukte gegessen haben. Ich habe aber auch viele Freunde, die in unserer Jugend überzeugte Vegetarier waren, die ich für ihre konsequente Ernährung bewundert habe – und die heute bei einem gemeinsamen Essen ein Steak bestellen.
Manchmal bereue ich, dass ich solange gebraucht habe, bis ich meinen heutigen Standpunkt und meine heutige Sichtweise erreicht habe. Im Nachhinein gesehen habe ich diese Zeit jedoch gebraucht, auch wenn es mir unendlich leid tut, dass durch mein verleugnendes Verhalten weitere Tiere sterben und leiden mussten. Erst seit 2010 verzichte ich komplett auf Fisch, Auslöser war die Ölpest im April. Die Atomkatastrophe in Fukushima 2011 hat mich darin nur noch bestärkt. Heute steht nicht mehr nur meine eigene Gesundheit im Vordergrund, sondern vor allem der Tierschutz- und der umweltpolitische Aspekt; die Überfischung der Meere, das Aussterben von Arten, der qualvolle und unnötige Tod von Fischen und Meeressäugetieren zu Genußzwecken.

2011 waren einige Umbrüche in meinem Leben, was ich zum Anlass nahm, auch bei meiner Ernährung einen weiteren Schritt zu gehen. Eine alte Freundin, Stina von veganpassion, hielt damals einen kleinen Vortrag in unserem Heimatort zu veganer Ernährung. Ihre konsequente Lebensweise und ihr Engagement inspirieren mich auch heute noch. Ab Mai 2011 lebte ich vegan, lernte neue Lebensmittel kennen und probierte neue Rezepte. Ich las viel über vegane Ernährung, über Tierschutz und die Vorteile für die Umwelt. All diese Argumente überzeugten und begeisterten mich, trotzdem war ich damals nicht 100%ig bereit für eine radikale Umstellung. Die rein vegane Ernährung hielt ich nur drei Monate durch und kehrte schließlich zum Vegetarismus zurück.

Bereits im Dezember 2011 beschäftigte ich mich jedoch wieder intensiver mit Veganismus. In den letzten Wochen und Monaten habe ich wieder einen ganz neuen Zugang dazu gefunden und bin heute der Überzeugung, dass vegane Ernährung die gesündeste Ernährung für mich ist und der einzige Weg, um mit Tieren und Umwelt in Frieden zu leben. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, habe ich viel wertvolle Hilfe erfahren: Den wunderbaren Emailkontakt mit meiner besten Freundin Linda, die ich vor einem Jahr dazu inspirieren konnte, Vegetarierin zu werden und die mittlerweile auch vegan lebt; inspirierende Gespräche mit Marianna, Anna, Leila und Joni; aber auch vielen Diskussionen mit Fleischessern, bei denen mir einmal mehr klar wurde, was mit „processed people“ gemeint ist und welche falschen Annahmen zum Konsum von tierischen Produkten vorherrschen. Meine Mitarbeit als Redakteurin bei deinfreund.org und der Austausch mit den drei anderen Teammitgliedern, die alle seit Jahren vegan leben, hat mich inspiriert und beeindruckt. Ich habe wunderbare Blogs entdeckt und war begeistert, wie sich die Bloggerszene im letzten Jahr weiterentwickelt hat. Mein Bücherschrank ist weiter gewachsen, Animal Liberation, Main Street Vegan, Vegan Guerilla und Vegan! zählen mittlerweile zu meinen Lieblingsbüchern. Darüber hinaus habe ich  mir – teilweise mit größter Überwindung – Film um Film über Massentierhaltung und die Nahrungsmittelindustrie angesehen. Ich lerne jeden Tag neues über Tierschutz, Tierausbeutung und Veganismus, auch wenn mir nicht alles gefällt, was ich erfahre. Und ich lerne jeden Tag etwas über mich, über meine Stärke, über meinen Körper, über die Macht der Entscheidungen, die ich treffe.

Auch, wenn ich mich heute fast ausschließlich vegan ernähre, habe ich noch einen langen Weg vor mir. So vieles möchte ich noch in meinem Leben umstellen, in so vielen Dingen möchte ich ein noch besserer Mensch werden und versuchen, die Tiere dieser Erde und unsere Umwelt zu schützen. Bei jeder Entscheidung, die ich heute treffe, stelle ich mir die Frage, wie Happy darüber denken würde. Denn kein Mensch könnte mir jemals ein besserer Freund sein wie sie es war.

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4 Kommentare zu “Warum vegan?

  1. Die letzten zwei Sätze sind die schönsten.

    Federchen

  2. Ich habe gerade die Geschichte über Happy gelesen.. Du hast eure Freundschaft so wundervoll in Worte gefasst und ich kann mir vorstellen, wie schwer dir der Abschied gefallen ist. 😦
    Umso schöner finde ich es, dass du dich entschieden hast, einem neuen Vierbeiner Platz in deinem Leben zu gewähren. Mir fiel es anfangs sehr schwer, nachdem mein Katerchen Herr Schulz verstorben ist, Mio und TomTom gerecht zu werden, da Herr Schulz noch immer so präsent war. Künftig würde ich auch mehr Zeit vergehen lassen (die zwei Chaoten zogen 2 Wochen nach dem Tod ein – da habe ich mich von der Tierschutzorga etwas überrumpeln lassen), aber jetzt kann ich mir kein anderes Leben mehr vorstellen.
    Manche Lebewesen gehen einem einfach unter die Haut – wenn es bei dir auch wortwörtlich der Fall war, finde ich das umso schöner 😉

    Ich bewundere jetzt noch ein bisschen Ella in Bildern –

    alles Liebe,
    Frau Schulz

    • Liebe Frau Schulz,

      ich habe mir das Bild von Herrn Schulz auf Deinem Blog angeschaut. Herzallerliebst! ❤
      Die Freundschaft zur Tieren ist einmalig. Happy hat mich durch die schwersten Zeiten in meinem bisherigen Leben begleitet und die Geschichte meiner Jugend ist fest mit Happy verknüpft. Wie Herr Schulz ist sie leider viel zu früh gestorben; ich hatte aber das Glück, dass ich sie die letzten zwei Monate ihres Lebens frei hatte und noch so viele schöne Stunden mit ihr verbringen konnte, bevor wir sie erlöst haben.
      Sie fehlt mir natürlich auch heute noch sehr, aber es wurde langsam Zeit für einen neuen Hund (:
      Happy bleibt trotzdem immer Teil von mir, das "H" am Handgelenk erinnert mich jeden Tag daran…

      Viele liebe Grüße,
      Anna

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