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Happy. Eine Liebeserklärung.

Kann man über die erste große Liebe hinweg kommen? Meine Antwort auf diese Frage lautet nein. Seit ziemlich genau drei Jahren habe ich Liebeskummer, weil mir die beste aller besten Freundinnen an meiner Seite fehlt.
Happy wurde Teil unserer kleinen Familie als ich zehn Jahre alt war. Wir haben sie aus „zweiter Hand“ bekommen auf eine Kleinanzeige hin. Unsere Ansprüche waren nicht sehr konkret: Kein Hund vom Züchter, am Besten ein Mischling (weil die angeblich seltener krank werden, haha), etwa kniehoch, am Liebsten ein Terrier.
Meine Mutter fuhr an einem Abend mit mir Richtung Stuttgart, um den kleinen Welpen kennen zu lernen. Mit elf Wochen war Happy an eine Familie weitervermittelt worden, die wiederum nach einer Woche angeblich festgestellt hatte, dass Hunde in ihrem Haus doch nicht erlaubt sind. Der Besitzer erschien uns gleich komisch (wegrasierte Augenbrauen!) und erzählte uns, dass seine Freundin nur schwarz-weiße Tiere mag. Der kleine Welpe hatte auch Anzeichen von weißem Fell mit schwarzen Flecken, im Großen und Ganzen war er aber vor allem rosa, weil das Haar noch nicht lang genug war und die weiße Haut durchschimmerte. Meine Mutter fand den Hund furchtbar häßlich, ich hingegen war hingerissen. Hals über Kopf hatte ich mich in diesen kleinen Tibet-Terrier-Mischling verliebt. Meine Mutter bat um Bedenkzeit mit dem Hintergedanken, mir diesen Hund wieder auszureden. Keine Chance! Zwei Tage später waren wir erneut in Stuttgart und holten das neue kleine Familienmitglied zu uns.
Die ersten Monate mit Happy waren eine mittlere Katastrophe. Ich war noch ein Kind, an meiner Mutter blieb alles hängen. Sie glaubte, Happy wäre der einzige Hund, der niemals stubenrein wird. Nach zweistündigen erfolglosen Spaziergängen kamen wir heim und Happy suchte sich den nächstbesten Teppich aus, um sich zu erleichtern. In der Hundeschule verstand sie sich nicht gut mit den anderen Hunden, also gaben wir auch das bald auf. Jahrelang war es uns peinlich, dass Happy nicht bei Fuß laufen konnte. Auch sonst war sie eigenwillig. Da hinter unserem Haus Wiesen lagen und ein größeres Waldstück, ließen wir sie meist freilaufen. Näherte sich ein anderer Spaziergänger, so dass wir nach Happy riefen, um sie an die Leine zu nehmen, hielt unser Frechdachs erstmal Ausschau, was wir wohl erblickt hatten, was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen hatte, bevor sie zu uns kam.


Happy mit circa sechs Monaten, beim Graben (altes, unscharfes Bild).

Erst wesentlich später fiel mir auf, dass wir uns genau den Hund herangezogen hatten, der zu uns passte: Happy war intelligent, aber eigenwillig und oftmals sehr eifersüchtig (niemand sonst durfte mit mir Händchen/Pfötchenhalten – außer Happy höchstpersönlich und das taten wir manchmal stundenlang), manchmal launisch und störisch, meist regenscheu und zuweilen sehr lauffaul. Eins war sie aber sicher nicht: Langweilig. Und sie konnte lieben, verteilte ihre Liebe überschwänglich und zögerte nicht, ab und zu Anlauf zu nehmen, um an uns hochzuspringen, um uns dann mit ihrer feuchten Schnauze einen Kuss zu verpassen (es hat lange gedauert, bis wir ihr das Hochspringen abgewöhnt hatten). Im Gegensatz zu manch anderem Hund war sie nicht auf ein Frauchen fixiert, sondern liebte jeden aus der Familie in gleichem Maße und begrüßte jeden Heimkommenden mit einer Begeisterung und Freude als wäre man Jahre getrennt gewesen. Wenn sie vormittags alleine und manchmal einsam war, durchwühlte sie unsere Betten, um ein Nachthemd oder altes T-shirt unter dem Kopfkissen hervorzuziehen, das sie durch die Wohnung schleifen konnte und auf dem sie sich bettete, bis wir heimkamen.
Jeden Tag nach dem Mittagessen machten wir uns auf den Weg über die Wiesen. Ein paar Häuser weiter wohnte Sally, Happys allerbeste Freundin, die frei herumstromern durfte und die uns immer ein Stück begleitete. Und was gibt es Schöneres als zwei Hunden beim Herumtollen zuzusehen?
Jahrelang waren Happy und ich unzertrennlich. Als sich einige meiner Freunde in der elften Klasse entschieden, ein Auslandsjahr zu machen, verabschiedete ich mich nach kurzer Überlegzeit wieder von dem Gedanken, da es mir unerträglich erschien, so lange von Happy getrennt zu sein. Zu verliebt war ich in diesen kleinen Sturkopf, zu süchtig war ich nach unseren täglichen Kuscheleinheiten und zu groß war unsere gegenseitige Freude, wenn Happy mich morgens mit Küssen weckte.
Sie war das kleine Geschöpf, das mich zum Lachen brachte, leistete mir Gesellschaft, wenn ich nachmittags alleine zuhause war und begleitete mich auf langen Erkundungsausflügen durch den Wald, wenn ich Zeit zum Nachdenken brauchte.

Als ich mit 18 Jahren von Zuhause ausgezogen bin, blieb Happy bei meiner Mutter, weil diese finanziell und zeitlich besser für sie sorgen konnte. Happy war von da an der Scheidungshund. Wie glücklich ich war, wenn ich sie ab und zu zuhause besucht habe! Unsere Freundschaft blieb trotz der räumlichen Trennung erhalten. Wenn es mir schlecht ging, tigerte Happy unruhig durch die Wohnung und alarmierte dadurch meine Mutter, die sich daraufhin bei mir meldete.
Mein Traum, Happy zu mir zu holen, wurde letztendlich wahr: Ihre letzten Monate verbrachte Happy bei mir. Im Frühjahr 2009 wurde bei Happy ein Tumor im Bauchbereich festgestellt und musste operativ entfernt werden. Als ich zwei Wochen später mit ihr beim Tierarzt zum Fädenziehen war, hatten sich bereits erneute Tumorzellen gebildet. Der Tierarzt war besorgt und riet uns, die komplette Mamaleiste zu entfernen. Er würde es bei seinem Hund machen lassen. Nach wenigen Gesprächen mit happyvernarrten Familienmitgliedern war aber klar, dass wir ihr keine weitere OP antun wollten. So schwer es ist – manchmal muss man einsehen, dass die Zeit gekommen ist, Abschied zu nehmen. Mit Schmerzmitteln hätte Happy noch ein gutes Jahr durchhalten sollen, letztendlich haben wir sie knapp drei Monate nach dem Gespräch mit dem Tierarzt einschläfern lassen, um ihr und uns den langen Krankheitsweg zu ersparen.
Meine Liebste hatte sich den günstigsten Zeitpunkt für ihren Abschied ausgesucht: Ich hatte gerade mein Abitur geschafft und freie Monate lagen vor mir. Die Tage verbrachte ich mit Happy kuschelnd auf dem Sofa, wir besuchten ihre innig geliebten Oma für einige Tage, erkundeten die Wohngebiete um unser Haus herum und fuhren jeden Tag in den Wald, um dort lange Spaziergänge zu machen. Körperlich war sie fit genug, um zweistündige Wanderungen durchzuhalten, sie hatte Spaß daran, mit meinem Exfreund und mir querfeldein durch Wälder und Weinberge zu streifen, im kühlen Nass von Bächen zu tollen und das ein oder andere Tier zu jagen. Überallhin begleitete uns die gute alte Canon, mit der wir jeden tollen Augenblick zumindest optisch festhalten konnten. Obwohl Happy absolutes Bettverbot hatte, erblickte ich jeden Morgen die auf meinem Kopfkissen schlummernde Happy neben mir.
Im September 2009 hatte ich eine Reise nach Irland geplant. Drei Tage vorher fuhr ich mit Happy zu meiner (unserer) Mutter und wir gingen unsere letzten gemeinsamen Wege. Happy war mittlerweile körperlich geschwächt, zog sich öfters zurück und wirkte nachdenklicher als sonst. Wir überschütteten sie mit all unserer Liebe und versuchten, ihr einen würdevollen Abschied zu ermöglichen. Am Tag meiner Abreise nach Irland verabschiedete ich mich nur kurz von Happy, so als würde ich nach wenigen Stunden wiederkehren. Meine geheimste Hoffnung war, dass ich sie nach meinem Urlaub lebend und gesund wieder antreffen würde, zugleich wußte ich, dass dies ein Abschied für immer sein würde.
Meine Mutter rief mich nicht in Irland an, als sie Happy zwei Tage später einschläfern lies. Erst zwei Wochen später traute ich mich, am Telefon zu fragen, wie es Happy geht und war voller Verzweiflung, als ich die Tatsache nicht mehr leugnen konnte, dass ich meine Liebste nie wiedersehen würde. In dieser Situation war es gut, dass ich mich in einem anderen Land aufhielt und den ersten Schmerz alleine bewältigen konnte. Bei langen Spaziergängen durch den Park um Rathfarnham Castle (Dublin) nahm ich im Stillen Abschied von meiner Freundin.

Und zum Schluss :: Zwei Lieder, die mich immer an Happy erinnern: 1 und 2.

Manchmal werde ich gefragt, was das tätowierte H auf meinem linken Handgelenk bedeutet. Ich brauche keine schriftliche Erinnerung an Happy. Jeden Tag denke ich an sie. Aber es ist Ausdruck meiner endlosen Liebe für dieses wunderbare Geschöpf, das mir jahrelang eine treue Freundin war.