Sich den Ängsten stellen

2 Kommentare

2013-02-17 19.54.20

Ella liegt auf dem Sofa und rührt sich nicht mehr. Heute morgen um 8 Uhr standen wir in der Kälte auf dem Hundeplatz. Es fühlt sich ein bisschen wie eine Niederlage an, dass wir nach zwei Wochen schon einen Hundetrainer engagieren mussten. Auf der anderen Seite war es in unserem Fall sicher sinnvoll, sich frühzeitig an einen Experten zu wenden.
Zuhause ist Ella die wundervollste Hündin überhaupt. Sie macht es sich auf dem Sofa bequem oder beschäftigt sich selbst mit ihrem Stoffhasen oder dem Kauknochen. Der einzige Grundbefehl, den sie von Anfang an beherrschte, war „Sitz“ (beziehungsweise „assis“, sie spricht ja nur Französisch (; ). Innerhalb von wenigen Tagen hat sie jedoch „Platz“, „Pfötchen“, „Nein“ und „Männchen“ gelernt und langsam gehen mir die Ideen aus, was ich ihr noch an Kunststückchen beibringen könnte. Sie bettelt und drängelt nicht, überfällt nicht den Postboten und hat mittlerweile auch akzeptiert, dass das Bett für sie tabu ist. Und wenn sie im Schlaf leise bellt oder ihre Beinchen zucken, dann schmelze ich dahin.
Aber sobald wir die Wohnung verlassen, wird es chaotisch. Ella zerrt an der Leine, will fremde Menschen freudig begrüßen und wenn wir auf andere Hunde treffen, rastet sie buchstäblich aus. Ich schäme mich immer ein bisschen, wenn sie bellt und bellt und knurrt und sich einfach nicht beruhigen lässt.
Daher also zum Hundetrainer, zwei Stunden intensiver Lerneinheiten für Ella und uns. Der Tipp des Trainers, der mich besonders nachdenklich stimmt: Anderen Hunden nicht mehr ausweichen, sondern Ella mit ihren Ängsten konfrontieren. Das wird für uns alle nicht leicht.

Auch ich musste mich kürzlich meinen Ängsten stellen – vor allem der Angst zu versagen und nicht immer zu den Besten gehören. Am Wochenende war ich beim Auswahlseminar für ein Stipendium zusammen mit 40 anderen begabten und vielseitig interessierten jungen Menschen, die ebenfalls vorgeschlagen worden waren. Ich fand mich zwischen Mathematik-, Maschinenbau-, Kybernetik- und Physikstudenten wieder. Das Spannende war: Bei den Diskussionen am Tisch kamen wir mehrfach auf das Thema Energiewende und Klimawandel zu sprechen. Kernfusion als Weg in die Zukunft? Kann die Bundesrepublik Deutschland Vorbild für andere Länder sein bei der Umstellung auf erneuerbare Energien? Sind die Bürger bereit, die höheren Kosten mitzutragen? Wie schaffen wir mehr Akzeptanz in der Bevölkerung? Aber die Hauptfrage: Selbst wenn Deutschland komplett umstellt – können wir den Klimawandel überhaupt noch aufhalten?
Viele Gespräche liefen auf dasselbe hinaus: Wenn wir realistisch sind, dann müssen wir uns eingestehen, dass der große Plan, die Welt von heute auf morgen zu ändern, nicht aufgehen wird. Die Politik ist nicht bereit, sich von der Wirtschaft unabhängig zu machen und die meisten von uns sind nicht bereit, auf unseren heutigen Lebensstandard zu verzichten oder diesen auch nur einzuschränken. Wie einer der Teilnehmer so schön sagte: „Wir Menschen haben die räumlichen und zeitlichen Grenzen durchbrochen“. Zum einen ermöglichen uns Autos, Bahn und Flugzeuge, in kurzer Zeit weite Strecken zurückzulegen. Zum anderen sind wir heute nicht mehr abhängig von den Jahreszeiten; im Winter sitzen wir in unserer 20-Grad-warmen Wohnung und essen Erdbeeren aus Südafrika.
Ich fand die Gespräche zum Teil frustrierend – meiner Meinung nach ist alles ist besser als Nichtstun. Vermutlich werden wir nicht die Welt vor dem Klimawandel bewahren können, aber ich bin froh zu der kleinen Gruppe zu gehören, die durch ihre vegane Ernährung ein Zeichen setzt und daran glaubt, dass auch kleine Taten etwas bewirken können. Und ich war selbstbewusst genug, meine Ansichten offen zu vertreten. Sicherlich war ich nicht die begabteste unter den Studenten, dafür sehr wahrscheinlich eine der umweltbewusstesten.

Advertisements

Autor: annagoesvegan

Anna. 23 Jahre. Psychologiestudentin. Seit acht Jahren Vegetarierin. Seit Juli 2012 vegan.

2 Kommentare zu “Sich den Ängsten stellen

  1. Liebe Anna,

    das Bild von Ella ist zum Knuddeln! Sie ist eine sehr schöne Hündin. Ich finde es gut, dass ihr euch so früh an einen Experten gewendet habt und nicht auf eigene Faust herum experimentiert. Es sollte sich für dich nicht wie eine Niederlage anfühlen, denn du kannst nichts dafür. Es gehört momentan zu ihr, Hunde sind keine Maschinen (du weißt das). Hättest du Ella nicht adoptiert, wenn du gewüsst hättest, was da für Arbeit auf euch zukommt? Woran genau liegt Ella Verhalten eigentlich? Weshalb hat sie Angst vor anderen Hunden? Wenn du ihr durch eure Arbeit die Angst nehmen kannst, dann tut ihr dem Hund etwas sehr Gutes. Meilenweit entfernt von einem Zustand der Niederlage! Ich drücke euch jedenfalls die Daumen, dass die Arbeit mit Ella Früchte trägt.

    Liebe Grüße,
    Federchen

  2. Guten morgen Federchen!
    Danke für Deinen lieben Kommentar!
    Ich war mir vor Ellas Adoption schon darüber im Klaren, dass sie vielleicht die ein oder andere Verhaltensschwierigkeit an den Tag legen wird und wurde auch darüber aufgeklärt.
    In der ersten Woche mit Ella war ich abends einfach nur müde und fertig. Ich gehe tagsüber mindestens zwei mal mit ihr spazieren (mein Freund macht kurz nach 6 Uhr mit ihr schon eine längere Runde) und bin gut 2-3 Stunden mit ihr unterwegs. Sie ist natürlich ein Jadhund und hat wahnsinnig viel Energie und das Näschen ständig am Boden. Da vergisst sie des öfteren (sagen wir alle zwei Meter), dass sie noch jemanden am anderen Ende der Leine hat…
    Dass sie sich anderen Hunden gegenüber aggressiv verhält, ist neu. Sie hat ja zuvor in der Pflegefamilie mit einem anderen Hund zusammengelebt, damals gab es scheinbar keine Probleme.

    Aber auch wenn Ella und ich von einem frustrierenden Spaziergang zurückkommen – ich würde mich immer wieder für sie entscheiden. Und Du hast natürlich Recht, sie ist keine Maschine. Ihr Verhalten, das wir als unerwünscht bezeichnen, hat Ursachen, die in ihrer Vergangenheit begründet sind und wir müssen jetzt gemeinsam Verhaltensalternativen erlernen.
    Der Trainer war auch sehr zuversichtlich, dass wir zumindest das „An-der-Leine-Zerren“ bald in den Griff bekommen. Nächste Woche haben wir gleich den nächsten Termin und werden zum Thema Schleppleine geschult. Bis dahin bringe ich Ella kleine Kunststücke bei, da sie sich ab jetzt all ihr Futter erarbeiten muss. Seit gestern kann sie winken (:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s