Schwarzseher

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Seit zwei Monaten gibt es zwischen Linda, meiner besten Freundin, und mir nur noch ein wichtiges Gesprächsthema: Veganismus. Jede von uns hatte verschiedene Auslöser, warum wir nun den Schritt gewagt haben – schön, wichtig und hilfreich war und ist es jedoch, dass wir uns auf diesem Weg unterstützen.
In den letzten Tagen denke ich immer wieder über unsere anfänglichen Gespräche nach. Linda war schon zu Beginn Feuer und Flamme und ist von heute auf morgen vegan geworden. Ich habe gezögert. Habe Ausreden gefunden, warum es bei mir nicht zu 100% klappen kann. Weil ich auf dem Land wohne, weil ich eine halbe Stunde zum einzigen Biomarkt der Stadt laufe, weil es im Umkreis keine veganen Restaurants gibt. Weil ich vor Ort niemanden habe, der mitzieht oder auch weil ich viel unterwegs bin und dann immer im Voraus planen muss, was ich esse.
Linda wohnt im Ruhrgebiet, dem veganen Mekka Deutschlands, wenn man mal von Berlin absieht. Sie hatte eine Freundin an ihrer Seite, die schon länger vegan lebt und die ihr Tipps geben konnte. Neidisch las ich ihre ersten Blogposts und sah mir ihre Fotos aus dem Cakes’n’Treats an.
Kurz darauf stand ein Familienfest bei mir an, bei dem es Kalb- und Lammfleisch gab. Ich hielt mich an die vegetarischen Speisen, konnte aber nicht aufhören, darüber nachzudenken, dass die Menschen um mich herum Babys essen. Am Tag danach habe ich den Sprung gewagt und meine Ernährung umgestellt. Seitdem gibt es kein Zurück mehr.
Rückblickend kann ich über mich selbst lachen. Wieso sehe ich überall Hindernisse? Woher kommt meine negative Einstellung? Nicht alles in meinem Leben war immer einfach, aber letztendlich hat alles geklappt, ich habe immer alles hinbekommen und manchmal muss man sich einfach mitten in die Herausforderung stürzen.
Ich habe bisher nichts vermisst, keine meiner Befürchtungen ist eingetreten. Wenn ich eine Bäckerei betrete, schiele ich nicht zu den Süßstückchen und mit Käse überbackenen Brezeln, sondern freue mich auf mein Vollkornbrötchen belegt mit Falafel, Bratlingen oder veganem Aufstrich. Jede Woche teste ich in meiner Küche vegane Kuchen und Köstlichkeiten, die so lecker schmecken, dass sie mit jedem anderen Kuchen mithalten können. Als ich neulich zum ersten Mal Remoulade ohne Ei gekauft habe, war ich so begeistert, dass ich mich gefragt habe, warum wir überhaupt noch Remoulade mit Ei brauchen.
Ich empfinde es nicht als anstrengend, sondern als bereichernd, nun jedes Etikett – sei es von einem Lebensmittel, einem Kosmetikprodukt oder einem Kleidungsstück – genau zu studieren. Ich finde es wichtig, zu wissen, was ich zu mir nehme und was meine Haut berührt. Für mich ist es eine Weiterentwicklung, täglich zu kochen, Unbekanntes auszuprobieren und Genuss neu zu erlernen. Ich empfinde es als entspannend, vor dem Herd zu stehen und neugierig zu sein, ob etwas gelingt. Es ist ein ganz neuer Bezug zum Essen, weg von der Fast Food Gesellschaft.
Veganismus bedeutet für mich Entdecken, Ausprobieren und Staunen. Es ist kein Verzicht, sondern eine Bereicherung.

 

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Autor: annagoesvegan

Anna. 23 Jahre. Psychologiestudentin. Seit acht Jahren Vegetarierin. Seit Juli 2012 vegan.

2 Kommentare zu “Schwarzseher

  1. Liebes, ich lese diesen Beitrag gerade und freue mich so unheimlich darüber! Aus den verschiedensten Gründen, aber vor allem, weil du mich als eine so gute Freundin beschreibst! ❤

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